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Danke der
„Parlamentarischen Gruppe Binnenschiffahrt“ für diese Einladung. Ich
fühle mich geehrt, daß Frau Faße mich gebeten hat, etwas zum Thema
„Wohin
fährt die Binnenschifffahrt nach der EU-Osterweiterung“, aus der Sicht
eines Partikuliers, zu sagen!
Was
ich Ihnen in den nächsten Minuten nun vortragen möchte, sind meine bzw.
unsere Erfahrungen, also die meines Mannes und mir, unsere Gedanken und
Befürchtungen.
Nun
kurz zu Ihrer Information:
Wir
haben ein Gütermotorschiff von 105m Länge, 9,50m Breite und einer
Ladekapazität von 2.300 to.
Diese
2.300 to entsprechen der Ladung von ca. 90 LKWs = eine LKW-Kolonne von
4,5km.
Bei
ausreichenden Wasserständen können wir bei einer Abladetiefe von 2.50m,
auf der Donau 1.700 to laden = 70 LKWs = 3,5 km LKW-Kolonne.
Durch die nicht
ausgebaute Donau haben wir z. B. in den Jahren 97 und 98 auf 48 Reisen nur
eine mittlere Abladetiefe von 1,86m erreicht.
Seit
Eröffnung des Main-Donau-Kanals, im September 1992, sind wir bereits 140
mal auf der Donau gefahren.
Davon
gingen 120 Reisen nach Österreich, 8 in die Slowakei und 12 nach Ungarn,
bis Mohacs an die ungarisch-jugoslawische Grenze.
Wir
haben eine Tochter, die während ihrer Schulzeit in Würzburg im
Schifferkinderheim lebt. Deshalb bin ich oft mit dem Auto unterwegs, um
sie an Bord zu holen. Ich habe festgestellt, daß der LKW-Verkehr auf der
Autobahn zwischen Wien und Regensburg und entgegengesetzt, in den letzten
Jahren erheblich zugenommen hat. Inzwischen gehört auch hier die rechte
Spur den LKWs; überwiegend LKWs aus dem Ostblock.
Auf
unseren Reisen in die Slowakei und nach Ungarn haben wir einige
Erfahrungen gemacht; nicht alle waren angenehm.
Wir
hatten des öfteren das Gefühl, wir seien die „goldene Kuh“, die nun
ordentlich gemolken werden müsse.
So
ist z.B. während eines starken Sturmes in der Nähe der Schleuse
Gabcikovo in der Slowakei, unser Flaggenstock abgebrochen und die
slowakische Fahne davon geweht. Der Schleusenmeister ließ uns ohne Flagge
nicht weiterfahren und stellte uns vor die Wahl: Entweder wir würden ihm
eine Flagge abkaufen – zu einem weit überzogenen Preis - oder wir müßten
nach Bratislava in ein Geschäft, um eine neue zu kaufen. Natürlich wußte
er ganz genau, daß wir nicht nach Bratislava fahren
- und uns auch keine Stilliegezeit leisten konnten -
also mußten wir den Wucherpreis akzeptieren.
Oder,
wir lagen in Mohacs, als wir plötzlich von einem bewaffneten Polizisten,
in Begleitung von drei weiteren Personen, regelrecht überfallen wurden.
Ohne anzuklopfen stürmten sie in unsere Wohnung und der Polizist
beschimpfte uns in ungarischer Sprache. Wir glaubten damals an einen Überfall.
Erst
ein deutschsprechender Zöllner,
der zu dieser Truppe gehörte, erklärte uns, daß unsere Nachtlaterne
nicht brenne und der Polizist nun einen größeren
Geldbetrag von uns kassieren wolle. Der Zöllner wies uns an, ruhig
zu bleiben und redete besänftigend auf den Polizisten ein.
Dann
auf einmal wollte er Geld dafür, daß frisch gefallener Schnee bei uns im
Gangbord lag und wir ihn noch nicht weggekehrt hatten. Wir spürten genau:
der Polizist war der Meinung, wer so ein große Schiff hat, soll mal
ordentlich dafür bezahlen.
Es
war Samstagmorgen, wir waren mit dem Laden in Mohacs fertig und sollten
nur noch die Zollpapiere bekommen. Wir warteten und warteten, bis uns
schließlich jemand erklärte, der Zöllner sei betrunken und wir sollten
am Montagmorgen wieder kommen. Montagmittag konnten wir dann endlich
losfahren. Knapp zweieinhalb Tage mußten wir wegen eines betrunkenen Zöllners
warten, ohne einen Pfennig Liegegeld!
Insgesamt
lagen wir 13 Tage in Mohacs. Monate später mußten wir eine
eidesstattliche Erklärung wegen der langen Liegezeit abgeben, da unsere
Genossenschaft versuchte, Liegegeld in Rechnung zu stellen..
Außerdem
kommt es des öfteren vor, daß Schiffsatteste oder Zeugnisse nicht
anerkannt werden, obwohl sie für die gesamte Donau Gültigkeit haben. Uns
haben Kollegen erzählt, daß sie eine erneute Schiffsuntersuchung in
Ungarn machen mußten, obwohl ein gültiges Attest vorlag.
Das
Radarpatent wird grundsätzlich auf der ungarischen Donau nicht anerkannt.
Wir
wissen, daß Zöllner oder Polizisten in den mittel- und osteuropäischen
Ländern sehr wenig verdienen. Manche nützen ihre Machtstellung aus. Wenn
sie nicht wollen, verstehen sie uns nicht, irgendwelche Papiere fehlen
angeblich oder sie lassen sich endlos Zeit. Wir sind ihrer Willkür
ausgeliefert. An wen sollen wir uns wenden, wenn es derartige Probleme
gibt? Wer sich beschwert, muß damit rechnen, überhaupt nicht abgefertigt
zu werden. Nachdem aber auch in der Schifffahrt längst „just in time“
gefahren wird, dürfen Zollkontrollen oder Schiffsabfertigungen
keine unberechenbare Zeitverzögerung mehr sein!
Wenn
wir Futtermittel für Ungarn geladen haben, müssen wir an der Grenze ein
Attest des ungarischen Pflanzenschutzes vorlegen. Dieses Attest kostet,
wenn es wochentags ausgestellt wird, DM 1.000,-- und am Wochenende DM
2.000,--. Mit welcher Begründung?
Aber
es gab auch nette Begebenheiten; eine davon ist besonders erzählenswert:
Wir
lagen mit unserem Schiff in Budapest im Hafen und warteten, gelöscht zu
werden. Um die Mittagszeit klopfte es an unsere Türe und der Geschäftsführer
einer Hafenfirma überreichte uns eine Tüte mit Salami, Käse, Brot,
Wein, Bier und Süßigkeiten, als kulinarischen Gruß aus Budapest. Das
war uns noch in keinem westlichen Hafen passiert; noch heute schwärmen
wir davon!!
Ich
habe mir schon des öfteren Gedanken gemacht, wie es wohl nach einer
EU-Osterweiterung für uns weitergehen wird.
Ich
hätte nichts gegen eine Erweiterung, wenn ich wüßte, daß für die
neuen EU-Mitglieder gleiche
Bedingungen gelten würden. Wir spüren täglich die Wettbewerbsnachteile,
die das vereinte Europa der deutsche Binnenschifffahrt gebracht hat. Man
hatte uns versprochen, erst zu harmonisieren und dann zu liberalisieren.
Genau das Gegenteil ist eingetreten! Deutschland hatte seine Hausaufgaben
überpünktlich gemacht und noch heute müssen wir uns von den holländischen
Schifferkollegen wegen unseres Übereifers und deutscher Gründlichkeit
verspotten lassen!
Natürlich
weiß ich, daß den armen Ländern geholfen werden muß. Der einzelne
Schiffer aus Mittel- oder Osteuropa kann für die Situation genauso wenig
wie wir.
Wenn
ich auf rumänischen, bulgarischen oder ungarischen Schiffen Kinder sehe,
gebe ich immer Spielsachen oder Kleidung von unserer Tochter ab.
Ich
habe aber kein Verständnis, daß wir arbeiten und arbeiten, uns an Gesetz
und Ordnung halten, Rücksicht nehmen, und wie so oft in den letzten
Jahren, wieder die Verlierer sein werden. Wir wissen von Kollegen, die auf
der Oder fahren, daß Kabotageverstöße an der Tagesordnung sind, von den
deutschen Behörden ignoriert oder nicht geahndet werden. Wofür brauchen
wir Verträge mit den mittel- und osteuropäischen Ländern, wenn diese
nicht eingehalten und überprüft werden?
Wie ist es möglich, daß die Wasserschutzpolizei in Regensburg an
Bord kommt, uns für kleine Verstöße ein Bußgeld auferlegt, während
unsere Kollegen aus Ost- und Mitteleuropa mit dem gleichen Vergehen
ungeschoren davonkommen, weil ja doch nichts zu holen sei.
Oder z.B.: das Funkgerät auf einem rumänischen Schiff war defekt.
Die Wasserschutzpolizei kam an Bord und reparierte das Gerät notdürftig.
Wären wir „funkunfähig“ und die WSP wüßte davon, würde man unser
Schiff so lange stillegen, bis das Funkgerät repariert wäre.
Außerdem
sind die Schiffe aus den östlichen Ländern oft in einem sehr schlechten
technischen Zustand. Keine Schiffs-Untersuchungskommission würde einem
westlichen Schiff in solch einem Zustand ein Attest erteilen.
Der
gute Ruf der Binnenschiffahrt als sicherster Verkehrsträger ist in
Gefahr, wenn der Schiffsverkehr auf der nautisch so schwierigen, noch
nicht ausgebauten Strecke Straubing – Vilshofen, durch die
Osterweiterung zunehmen wird.
Die
Nachfrage nach Gütern aus dem Westen, und später auch aus dem Osten,
wird stetig steigen. Sicher ist auch, ein Großteil dieser Güter wird auf
dem Wasserweg transportiert werden. Die westlichen Schiffe sind alle top
in Schuß. Das Personal an Bord ist motiviert, da es ordentlich bezahlt
wird, sozial abgesichert ist und ausreichend Freizeit bekommt. Den
Verlader aber interessieren in der Regel Schiffszustand, Personal oder
soziale Belange wenig. Er wird demjenigen den Zuschlag geben, der seine
Ware am billigsten von A nach B fährt. Wir werden, wenn nicht vor
einer Osterweiterung gleiche Bedingungen geschaffen werden, noch mehr
Transporte an Schifffahrtsfirmen aus den mittel- und osteuropäischen Ländern
verlieren, und es wird einen weiteren Frachtenverfall geben. Die
Schifffahrt der ost- und mitteleuropäischen Staaten wird einen Aufschwung
erleben und uns wird es finanziell immer schlechter gehen. Die Politik
schaut nur auf ein vereintes
Europa. Was aber im eigenen Land geschieht, wird kaum noch
registriert. Um überleben zu können, müßten wir unsere Schiffe im
billigeren Ausland anmelden. Fast alle Reedereien haben uns das ja schon
vorgemacht!
Sie
können sich dann ausrechnen, wann auf europäischen Wasserstraßen keine
deutschen Binnenschiffe mehr fahren!
Wir
selbst sehen im Moment noch große Schwierigkeiten, weiter als bis an die
ungarisch-jugoslawische Grenze zu fahren. Wie Sie sicher wissen, sind
Partikulierbetriebe zu 90% Familienbetriebe. Ich versuche ständig,
Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen. So weit entfernt der Heimat
ist das gar nicht so einfach! Immerhin sind es vom Schwarzen Meer bis nach
Nürnberg ca. 2.500 km!
Sie
werden jetzt denken: Wollen die Geld verdienen, oder Familienpflege
betreiben?
Für
mich ist die Familie äußerst wichtig! Der Schiffsbetrieb kann meiner
Meinung nach nur dann gut funktionieren, wenn die Familie dahintersteht.
Das
Thema des heutigen Abends lautet ja bekanntlich:
„Wohin
fährt die Binnenschifffahrt nach der EU-Osterweiterung?“
Für
mich wäre folgende Frage am wichtigsten:
„Wohin
fährt die deutsche Binnenschifffahrt
nach der EU-Osterweiterung?“
Berlin,
den 16. Mai 2000
Karin
Scheubner, MS „JENNY“
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